ANDACHT ZUM MONATSSPRUCH FÜR OKTOBER 2017


Kaehler

Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.
Lukas 15,10

Einmal kurz geklingelt. Ich möchte ein Gemeindeglied zum 80. Geburts-tag besuchen. Ich habe die Glück-wunschkarte dabei und eine Blume. Ich klingle nochmal. Es sind nur ein paar Menschen unterwegs an diesem Vormittag. Ich klingle ein drittes Mal. Wenigstens die Blume und den Geburtstagsgruß möchte ich vor die Tür legen.

Ich klingele an der Nachbarklingel. Der Rasen ist schön grün. Es hat viel geregnet in letzter Zeit. Die nächste Klingel. Ich habe den Eindruck, ich stehe schon zehn Minuten hier. Fünfzehn Klingeln hat der Aufgang. Irgendwer wird doch aufmachen. Wenn ich mit dem Fahrrad in die Galileistraße gefahren wäre, wäre ich jetzt zumindest schnell wieder zuhause. So bin ich gelaufen. Also wieder zurücklaufen.

Natürlich weiß ich, daß Geburtstagsbesuche manchmal so enden. Enttäuscht bin ich trotzdem. Und jetzt muß ich auch noch auf die Toilette. Ich laufe am Treptower Park entlang. Das Parkcenter ist ein bißchen näher als die Pleßer Straße. Dort gibt es eine Toilette. Die Geburtstagskarte habe ich in meiner Jackentasche. Die Blume habe ich noch in der Hand. Wo legt man eine Blume in einer öffentlichen Toilette hin? Ich fahre die Rolltreppe hoch und beschließe spontan, die Blume einfach der Frau zu schenken, die sich um die Toiletten kümmert. Ich packe die Blume aus und gebe sie der Frau. „Bitteschön., für Sie!” „Für mich?” Ihr Gesicht fängt an zu leuchten. „Ja, für Sie.” Nach dem Händewaschen sehe ich, dass sie die Blume in eine große, hohe Tasse gestellt hat. „Wirklich für mich?”, sagt sie, „vielen Dank!” „Bitte.” Sie ist merklich begeistert von der Blume. „Vielen Dank!”, ruft sie mir hinterher. Und ich merke, dass meine Schritte locker werden. Die Freude der Frau steckt mich an. Jetzt bin ich auch wieder fröhlich.

Es macht Freude, anderen eine Freude zu machen. Woran liegt das? Freuen kann ich mich ganz für mich selbst. Das stimmt. Ich freue mich über die Sonne, die scheint, über die Blumen, die blühen. Diese Freude ist ganz für mich. Wenn mir jemand eine Freude macht, dann freue ich mich zweimal: Erstens freue ich mich über das, was die Person getan hat (in meiner Geschichte hat sich die Frau über die Blume gefreut).

Zweitens freue ich mich darüber, dass jemand an mich gedacht hat. Jemand hat mich wahrgenommen und hat mir gezeigt, dass ich wichtig bin. Und eine Beziehung ist entstanden. Und plötzlich wirkt die Freude zurück.

Wenn Jesus im Lukasevangelium sagt: „Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.”, sagt er: „Gott nimmt dich, Mensch, wichtig. Gott freut sich an dem, was dir gelingt. Und Gott freut sich, wenn du ihn wahrnimmst.” Sich mit einer anderen Person zu freuen, heißt diese Person ins eigene Leben hineinzunehmen. Gott nimmt uns in sein Leben.

Paulus Hecker




Rainer Schnell