Der Himmel über Berlin.

 

 

Langsam kann man sie aufsteigen sehen, wie kleine weiße Wölkchen am endlosen Blau.

 

Der Gottesdienst zu Himmelfahrt wird bei manchen von uns noch eine Weile nachklingen. Eindrücklich war der Blick nach oben, der den kleiner werdenden Luftballons folgte. Jeder von ihnen trug kleine Gebete: Bitten, Klagen, Dank oder Lob – Gedanken, die für Gott bestimmt waren, zum Himmel geschickt wurden. Das, was einen beschwert, sieht für einen Moment lang leichter aus als ein Luftballon. So hing für einige Augenblicke ein Muster aus Gebeten über Johannisthal.

 

Inzwischen fangen die Linden an, ihren intensiven Duft zu verströmen. Ich ziehe ihn auf meinen Fahrradtouren zwischen Baumschulenweg und Johannisthal genussvoll ein. Für mich verbindet er sich mit starken Urlaubsgefühlen. Denn wenn die Linden in voller Blüte stehen, dann war für uns früher immer die Ferienzeit da. Dann sind wir mit der Familie in den Bayerischen Wald gefahren, oder wir waren irgendwo an der Ostsee unterwegs. Aber auch die Ausflugsziele der Heimat hatten ihre Linden und den dazugehörigen charakteristischen Ferienduft zu bieten. Aber auch andere Düfte und Klänge tragen dazu bei: Die Singvögel sind zurückgekehrt. Der abendliche Gesang einer Amsel auf dem Dachfirst oder das unermüdliche Gurren der Tauben auf einem Hof in der Mittagshitze, sie erzählen ebenso vom Sommer wie eine frisch gemähte Wiese, die ersten blühenden Rosensträucher oder Kiefernnadeln.

 

Welche Signale künden für Sie den Sommer an?

 

Die ersten Menschen haben sich bereits in ihren Sommerurlaub verabschiedet. Die Reisesaison beginnt irgendwann im Mai und zieht sich bis weit in den September. Fast jede und jeder nimmt sich in diesen Monaten wenigstens einige Tage frei, um aus dem Alltag auszusteigen und etwas gänzlich anderes zu erleben. Für viele Menschen ist eine Reise das Mittel der Wahl. Der Ortswechsel, ein neues Klima, ungewohnte Landschaften, Wasser oder Berge, vielleicht sogar eine sportliche Herausforderung wie Radfahren, Wandern oder Segeln, all das können geeignete Mittel sein, um im gewohnten Trott für eine Weile innezuhalten. Wir können uns Zeit nehmen für andere Menschen – die Familie, eine gute Freundin oder Bekannte von früher, die wir schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen haben. Und auch diejenigen, mit denen man den Alltag teilt, erhalten in der Urlaubszeit ein anderes Gesicht. Wir nehmen sie neu wahr: in Badehosen, T-Shirts oder einem entspannten Lächeln im Gesicht. Urlaubszeit bringt neue Seiten zum Glänzen, sie ist eine großartige Gelegenheit, Dinge aus einer veränderten Perspektive zu betrachten. Ist es eigentlich gut, wie die Dinge in letzter Zeit laufen? War ich seit dem letzten Urlaub überhaupt genug für die Eltern, Geschwister oder Freunde da? Womit könnte die Krankheit der Freundin zusammenhängen? Urlaub kann auch bedeuten, dass ich ins Grübeln komme. Denn die veränderte Perspektive, das ungewohnte Licht oder der Abstand von allem, was sonst so wichtig scheint, sie können mitunter ganz schön ins Nachdenken bringen.

 

Urlaub bedeutet also eine Zäsur – nicht nur im Alltagstrott, sondern auch im Leben jeder und jedes Einzelnen. Er strukturiert die Lebensphasen: Ein Urlaub der Kindheit, diese nicht enden wollenden Ferien mit genussvollem Herumstreichen und all der Nähe zu Eltern oder Geschwistern, ist etwas ganz anderes als die USA-Reise mit der Freundin nach dem Abitur oder das Zelten mit der ersten großen Liebe. Wieder anders kann ein Urlaub bei den Eltern aussehen, wenn man auf der Terrasse seiner Kindheit sitzt und sich das Altvertraute mit dem völlig Fremden vermischt. Ich komme in solchen Momenten ins Grübeln darüber, was schon war, was noch kommt – und worauf ich vermutlich vermutlich vergeblich warte.

 

In diesem Jahr werden mir bei solchen Gelegenheiten vielleicht die weißen Himmelfahrtsballons wieder in den Sinn kommen, wie sie durch den sommerlich-blauen Himmel geschwebt sind, mit all den Gebeten, Wünschen und kleinen Dankbarkeiten. Vielleicht sollten wir so etwas viel häufiger machen: kleine Stoßgebete mit einem Stock in den Sand am Meer schreiben und warten, dass die Wellen sie fortspülen. Oder einen Wunsch gegen die Gebirgswand schreien und nach dem Echo hören. Oder kleine Papierflieger mit unseren Ängsten und Sehnsüchten vollschreiben und von einem hohen Aussichtsturm hinuntersegeln lassen. Gott sieht unsere kleinen und großen Gesten, mit denen wir versuchen, unsere Welt zu verändern. Und er hat unsere Gebete längst gehört, noch bevor wir ihnen eine Form gegeben haben. Aber indem wir ihnen Formen verleihen und ihnen Wege bahnen – seien es ungewöhnliche oder auch ganz schlichte, machen wir sie auch für uns selbst sichtbar. Sie bekommen ein Gewicht, eine Farbe und etwas, woran wir uns auch später noch erinnern. Unsere Gebete bekommen eine Geschichte, sie markieren eine Zäsur und machen sich in unserer Beziehung zu Gott kenntlich.

 

Der Sommer ist auch die Zeit für erfrischend kühle Kirchen. An den verschiedensten Orten unserer bereisten Welt laden sie uns ein zu Einkehr, Besichtigung, Besinnung – und zum Gebet. Kerzen, Seitenaltäre, Kunstwerke, Musik und biblische Sprüche können Dinge sein, die dabei unser Beten mit bestimmen und unsere Worte in eine neue Richtung lenken. Lassen Sie sich einladen, in der Welt auf Reisen ebenso wie bei uns zu Hause, in unseren Kirchen an der heimatlichen Spree.

Eine segensreiche Sommerzeit wünscht Ihnen

Ihre Julika Wilcke.

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